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Heilung als Ausnahme (Mk7,31-38)

Und er verließ das Gebiet von Tyrus und Zidon wieder und begab sich zum See von Galiläa, mitten durch das Gebiet der Zehn Städte. Und sie brachten einen Tauben zu ihm, der kaum reden konnte, und baten ihn, ihm die Hand aufzulegen. Und er nahm ihn beiseite, weg von der Volksmenge, legte seine Finger in seine Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel. Dann blickte er zum Himmel auf, seufzte und sprach zu ihm: Ephata!, das heißt: Tu dich auf! Und sogleich wurden seine Ohren aufgetan und das Band seiner Zunge gelöst, und er redete richtig. Und er gebot ihnen, sie sollten es niemand sagen; aber je mehr er es ihnen gebot, desto mehr machten sie es bekannt. Und sie erstaunten über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohlgemacht! Die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden! Mk7,31-38

Dieser Text löst bei manchen Bibellesern Verwirrung aus. Eine der häufigsten Frage lautet: Wieso wollte Jesus nicht, dass die Zeugen von dem Wunder erzählten?

Die Antwort hängt mit dem Ort zusammen, an dem dieses Wunder stattfand. Das Gebiet der zehn Städte lag ausserhalb von Israel. Und wie wir bereits in der Geschichte zuvor gesehen haben: Jesus wollte eigentlich nur in Israel wirken (Mt15,24). Sein Auftrag bestand darin, dass Reich Gottes für die Juden bekannt zu machen (Mk1,15). Und genau darum sollten die nichtjüdischen Beobachter in dieser Geschichte nichts von dem Wunder weiter erzählen. Jesus wollte vermeiden, dass durch diese Werbung immer mehr Heiden zu ihm kommen würden.

Eine zweite Frage aus diesem Text ist: Wieso seufzte Jesus beim Beten für diesen Kranken? Ich denke, dass die Antwort eng mit dem zusammenhängt, was ich gerade geschrieben habe. Jesus seufzte, weil er zu diesem Zeitpunkt in seinem Dienst vermutlich schon gespürt hat, das sein Volk – die Juden – dabei war, ihn abzulehnen. Stattdessen wurde er von Menschen aufgesucht, die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht Zielgruppe waren. Die Reaktion der Betroffenen in diesem Text bestätigt diese Sicht. „Sie erstaunten über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht!“ (7,37). Eigentlich hätte Israel so auf die Worte, Zeichen und Wunder von Jesus reagieren sollen. Aber offensichtlich kannten die umliegenden Länder das Alte Testament besser, als das Volk Gottes. Den dort war Jesus schon detailliert als Retter für Israel angekündigt worden. Hier ein kurzer Ausschnitt aus dem Propheten Jesaja:

Die Wüste und Einöde wird sich freuen, und die Steppe wird frohlocken … Sie werden die Herrlichkeit des Herrn sehen, die Pracht unseres Gottes … Seid tapfer und fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott … er selbst kommt und wird euch retten! Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden; dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch und die Zunge des Stummen lobsingen; denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme in der Einöde. Jes35,1-6

Jesaja beschreibt hier, einige hundert Jahre vor Jesus das Reich Gottes. Eigentlich hätte Israel erkennen müssen, dass sich dieses Prophetie in Jesus erfüllte. Doch anstelle von Israel waren die Heiden begeistert von Jesus. Hier sehe ich auch den Grund dafür, wieso Jesus den Kranken von der Volksmenge weggeholt hat (7,33). Er wollte einfach nicht noch mehr heidnische Anhänger haben, weil er zu diesem Zeitpunkt noch nicht die ganze Welt, sondern das jüdische Volk erreichen wollte.

Doch neben all diesen Erklärungen finde ich persönlich spannend, WIE Jesus den Taubstummen geheilt hat. Er legte seine Finger in die Ohren und strich seinen Speichel auf die Zunge des Kranken. Ich habe mich gefragt, wieso? Persönlich denke ich, dass dieses Vorgehen vor allem symbolische Bedeutung hatte. Denn vom Text her wird klar: Geheilt hat den Mann nicht der Finger und der Speichel. Geheilt wurde der Mann dadurch, dass Jesus dem Ohr und dem Mund mit einem Wort gebot: „Tu dich auf!“ (Mk7,34). Spannend ist, dass die Menschen Jesus eigentlich um etwas anderes gebeten hatten. Sie wollten, dass Jesus dem Taubstummen die Hände auflegte (7,32). Könnte es sein, dass Jesus ganz bewusst anders reagierte? Wollte er schon allein durch die Art und Weise der Heilung klar machen: Ich bin eigentlich nicht gekommen, um euch zu dienen?

Für mich werden aus dieser Geschichte zwei Dinge deutlich. Erstens: Jesus hielt sich an den Plan, den er von seinem Vater im Himmel bekommen hatte (Joh5,30). Sein Hauptfokus lag darauf, das Reich Gottes in Israel aufzubauen. In diesem Sinne möchte auch ich den Willen Gottes für mein Leben entdecken und tun. Aber zweitens sehen wir auch: In seiner Barmherzigkeit machte Jesus immer wieder Ausnahmen. Sowohl in diesem Text wie auch im Abschnitt zuvor erbarmte er sich über Menschen, die damals eigentlich nicht zu seiner Zielgruppe gehörten. Wo sind die Zeiten, wo wir einfach nur barmherzig sind, obwohl unsere Pläne eigentlich etwas anderes von uns verlangen? Euer Marlon Heins