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Gott ist wichtiger als familiäre und gesellschaftliche Verpflichtungen (Mk3,31-35)

Jesus gilt gemeinhin als jemand, der sich liebevoll um Menschen gekümmert hat. Es gibt aber auch Geschichten, die ihn in einem anderen Licht darstellen. Geschichten, wo er mit einer Peitsche auf Händler losgeht (Joh2,14-17), wo er einer leidenden Mutter mit einem Hund vergleicht (Mt15,21-28) und Geschichten wie diejenige, die wir in unserem heutigen Bibeltext lesen können:

Da kamen seine Brüder und seine Mutter; sie blieben aber draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. Und die Volksmenge saß um ihn her. Sie sprachen aber zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder sind draußen und suchen dich! Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter oder wer sind meine Brüder? Und indem er ringsumher die ansah, die um ihn saßen, sprach er: Siehe da, meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und Mutter. Mk3,31-35

Wieso kamen die Brüder und die Mutter von Jesus nicht in dem Raum, wo er gerade dabei war, die Volksmenge zu lehren? Wieso kamen sie überhaupt zu dem Haus, wo Jesus sich aufhielt? Vielleicht hatte es etwas mit dem Vorfall unmittelbar zuvor zu tun: Die Schriftgelehrten hatten Jesus bezichtigt, mit dem Teufel im Bunde zu sein und viele andere Zuhörer dachten, dass er verrückt geworden sei (Mk3,21-22). Es ist gut möglich, dass Jesu Familie davon gehört hatte. Doch was war die Absicht ihres Kommens? Wollten sie Jesus zur Hilfe eilen? Ich vermute, dass dem nicht so war, denn sonst wären sie sicher zu ihm ins Haus gegangen. Dadurch, dass sie vor dem Haus warteten, wird für mich deutlich, dass sie nicht unbedingt mit Jesus zusammen gesehen werden wollten. Es gibt etliche Theologen, die davon ausgehen, dass ihn seine Familie nach Hause holen wollten, damit er nicht noch mehr Schande über die Familie bringen würde. Es war gut möglich, dass die Familie Angst davor hatte, durch das Verhalten von Jesus selbst in die Schusslinie der Pharisäer und Gegner von Jesus zu geraten.

Doch Jesus reagiert anders, als sie erwartet hatten. Er ging nicht nur nicht zu ihnen hinaus, sondern er distanzierte sich sogar noch öffentlich von ihnen: Nicht meine Mutter und Halbgeschwister sind meine Familie, sondern ihr alle seid es, wenn ihr den Willen Gottes tut. Im Lukasevangelium wird diese Aussage noch ein wenig präzisiert: Meine Mutter und meine Brüder sind die, welche das Wort Gottes hören und es tun! Lk8,21. Ich vermute, dass Jesus diesen Satz so formuliert hat, um klar zu machen, dass seine leibliche Familie zu diesem Zeitpunkt weder bereit war, seinen Worten zu glauben, noch danach zu leben.

Für mich wird aus dieser Geschichte einmal mehr deutlich, dass sich Jesus nicht in menschliche Konventionen und Vorstellungen pressen lässt. Es war ein gesellschaftlicher Fauxpas, seine Mutter und seine Geschwister so zu behandeln, wie er das getan hat. Aber Jesus tat es dennoch. Sein ganzes Leben lang interessierte er sich einzig und allein für das, was der Heilige Geist ihm im Namen seines Vaters zu sagen hatte. Und diesen Ruf stellte er über familiäre Verpflichtungen und gesellschaftliche Erwartungen.

Ich bin mir nicht ganz sicher, was dieses Verhalten von Jesus konkret für mich bedeutet. Denn im Neuen Testament steht ja auch, dass wir unseren Familien gut vorstehen und gesellschaftlichen Ordnungen unterordnen sollen. Aber es gibt ganz offensichtlich Ausnahmen von diesen Anweisungen, die wir im Leben von Jesus immer wieder erkennen können. Ich möchte aus dieser Begebenheit im Leben von Jesus lernen und Gott als wichtigste Instanz in meinem Leben zu sehen – Marlon Heins.