glaubensfragen.org

Warum das geschriebene Wort nicht mehr letzte Maßstab für uns ist? (Mk2,23-28)

Was ist richtig und was ist falsch? Was möchte Gott in dieser oder jener Situation? Immer wieder stellen wir Christen Fragen wie diese. Und ganz häufig folgt dann der Griff zur Bibel und man schaut, ob das Wort Gottes irgendetwas zum jeweiligen Thema zu sagen hat. Die Juden zur Zeit von Jesus haben es genau so gemacht. Um so interessanter ist, was Jesus zu dieser Praxis zu sagen hat:

 

Und es begab sich, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging. Und seine Jünger fingen an, auf dem Weg die Ähren abzustreifen. Da sprachen die Pharisäer zu ihm: Sieh doch, warum tun sie am Sabbat, was nicht erlaubt ist? Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er Mangel litt und er und seine Gefährten Hunger hatten, wie er zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar in das Haus Gottes hineinging und die Schaubrote aß, die niemand essen darf als nur die Priester, und auch denen davon gab, die bei ihm waren? Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat wurde um des Menschen willen geschaffen, nicht der Mensch um des Sabbats willen. Also ist der Sohn des Menschen Herr auch über den Sabbat. Mk2,23-28

Die Jünger von Jesus taten etwas, was dem Gesetz wiedersprach. Die Pharisäer hatten also recht mit ihrer Kritik. Und Jesus probiert darum auch gar nicht, sie davon überzeugen, dass ihre Auslegung vom Gesetz nicht stimmen würde. Denn von Gesetzeswegen hätte er seinen Jünger auffordern müssen, mit dem abstreifen der Ähren aufzuhören. Aber genau ist der entscheidende Punkt in diesem Text. Jesus musste und wollte sich nicht an das Gesetz halten, dass für die Juden seit hunderten von Jahren Gültigkeit hatte. Und darum mussten sich auch seine Jünger nicht mehr daran halten. Und Jesus geht sogar noch einen Schritt weiter: Indem er eine Begebenheit aus dem Leben von König David zitiert, wo dieser ebenfalls gegen die Anweisungen vom Gesetz gehandelt hatte, zeigt er auf, dass Gott schon immer wieder Ausnahmen vom Gesetz erlaubt hatte.

Was heißt es genau, dass Jesus der Herr über den Sabbat ist? Mir fallen dazu mindestens zwei Dinge ein: Jesus kann erstens die Anweisung vom bisher gültigen Gesetz temporär oder dauerhaft außer Kraft setzten. Zweitens bedeutet diese Aussage, dass Jesus das Recht hat, neue Gesetze und Anweisungen zu geben, die auch mal den alten Geboten wiedersprechen können. Für die Jünger von Jesus gilt also nicht mehr, was das Gesetz der Bibel sagt. Stattdessen gilt für die Jünger das, was Jesus ihnen in der jeweiligen Situation erlaubt oder sagt. Genau das hat später auch der Apostel Paulus an seine Gemeinden geschrieben: Jetzt aber sind wir vom Gesetz frei geworden, da wir dem gestorben sind, worin wir festgehalten wurden, sodass wir im neuen Wesen des Geistes dienen und nicht im alten Wesen des Buchstabens. Rö7,6

Wenn Jünger Jesu nach dem „Wesen des Buchstabens“ leben, dann leben sie so, die Pharisäer es in dieser Geschichte aus Mk2 getan haben. Wenn Jünger Jesus aber „im neuen Wesen des Geistes“ leben, dann handeln sie genau so, wie die Jünger es in dieser Geschichte gemacht hat. Im „Wesen des Geistes“ zu leben bedeutet nichts anderes als, das zu tun, was der Heilige Geist einem sagt. Jesus selber hat ja kurz vor seinem Tod gesagt, dass nach seiner Himmelfahrt der Heilige Geist kommen wird, der uns dann stellvertretend für Jesus in aller Wahrheit leiten wird.

Konkret bedeutet das, dass für eine Jünger Jesu das geschriebene Wort Gottes nicht mehr die letzte Instanz für Wahrheit ist! Das hört sich sehr herausfordernd an. Denn natürlich ist es leichter, in einem Gesetzestext die Wahrheit nachzuschlagen als auf die Stimme des Heiligen Geistes hören zu müssen. Aber ich glaube, dass die Bibel selbst genau das lehrt. Als Christen gilt für uns nicht mehr das geschriebene Gesetz, sondern das gesprochen Wort Gottes, der durch seinen Heiligen Geist in uns lebt und wirkt!

Viele Christen haben Mühe mit dieser Lehre, weil es ihnen zu unsicher erscheint. Was, wenn ich nicht die Gedanken Gottes, sondern meine eigenen Gedanken höre? Was, wenn innerhalb einer Gemeinde unterschiedliche Leute zu unterschiedlichen Meinungen über den Willen Gottes gelangen? Wir alle kennen solch Einwände und ich persönlich sehe die Schwierigkeit sehr deutlich. Nichts desto trotz bin ich davon überzeugt, dass in der Zeit nach Pfingsten das Reden vom Heiligen Geist die letztgültige Instanz für Richtig und Falsch ist. Selbstverständlich lese und studieren ich weiterhin noch das geschriebene Wort Gottes – die Bibel! Aber ich wenn es darum geht, konkrete Anweisungen für aktuelle Entscheidungen und Situationen zu bekommen, dann suche ich nicht in erster Linie nach Bibelverse, sondern bitte Jesus, durch seinen Geiste direkt zu mir zu sprechen. Genau so, wie er zu seinen Jüngern in Mk2,23-28 gesprochen hat – Marlon Heins.